1. Deutscher Jod-Kongress – ein Rückblick

MiriamBiohacking, Orthomolekulare Medizin, Reviews, WissenKommentar schreiben

Letztes Wochenende, am 3. März, war ich schon wieder auf einem Kongress in Düsseldorf – dieses Mal zum Thema Jod. Jod ist ein essentielles Spurenelement, das vor allem in Deutschland sehr kritisch und widersprüchlich betrachtet wird. Heilpraktikerin Kyra Kaufmann (geb. Hoffmann), die Jod zu einem ihrer Schwerpunktthemen gemacht hat (s. auch ihr Buch), organisierte zusammen mit TISSO die Kongress für Fachkreise. Ihr Wunsch: Eine ähnliche Revolution mit Blick auf die Wichtigkeit von Jod lostreten, wie es Vitamin D in den letzten Jahren erlebt hat. Genau zu diesem Grund waren die Wissenschaftler und Therapeuten als Redner geladen, die in Deutschland führend auf dem Gebiet der Jodtherapie sind. Im Saal: Über 150 Mediziner, Therapeuten, Wissenschaftler und Interessierte, die gespannt auf die neuesten Erkenntnisse warteten und sich auf Tipps für die Praxis erhofften.

Der 1. Deutsche Jod-Kongress, Agenda

Jod – Ein Blick auf die Geschichte

Kyra Kauffmann zeigt auf, wie sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrung zum Thema Jod kam. Wohl zu kaum einem Nährstoff gibt es in Deutschland so widersprüchliche Aussagen in der Bevölkerung wie zu Jod: „Ich habe eine Jodallergie“, „wir sind alle zwangsjodiert“ oder „Jod ist giftig“. Beeindrucken und gleichzeitig erschrecken war der gezeigte Film, der Anfang des letzten Jahrhunderts in der Schweiz gedreht wurde. Er zeigte die Auswirkungen des Jodmangels sehr eindeutig: Kropf und Kretinismus. Das Traurige daran: beide Krankheiten sind vermeidbar, wenn ausreichend Jod über die Nahrung aufgenommen wird. In Deutschland sind diese Bilder zwar nicht mehr allgegenwärtig, aber ein paar der anwesenden Therapeuten haben den Kropf noch selbst in der Praxis gesehen.

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Der Jodmangel ist in unseren Breiten schon lange vorhanden und mittlerweile auch durch das Bundesamt für Risikobewertung bestätigt. Neben Vitamin D und Foläquivalenten ist Jod das dritte Vitamin- & Spurenelement, das bei normaler Mischkost bei nur 50% des Richtwertes, der durch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfohlen wird. Dazu kommt, dass diese Richtwerte gerade einmal einen Mangel verhindern, jedoch nicht für eine optimale Versorgung stehen!

Was Jodkritiker sagen und was aus medizinischer Sicht davon zu halten ist

Der erste Vortrag durch Professor Dr. med. Roland Gärtner, Endokrinologe und Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel e. V. ist ein beängstigendes Beispiel dafür, was erfolgreiche PR für weitreichende (gesundheitliche) Folgen haben kann. Er meint, dass es außerhalb deutscher Grenzen kaum Diskussionen zum Thema Jod gibt, diese bei uns aber umso stärker geführt werden. Ein Grund dafür ist das Buch „Die Jod-Lüge“ von Dagmar Braunschweig-Pauli. Sie führt diverse Erkrankungen auf die „Zwangsjodierung“ zurück. Das Problem dabei: Die Dame hat ein autonomes Adenom, ein Schilddrüsentumor, der zu den ganz wenigen Kontraindikationen für die Jod-Einnahme gehört.

Wenn dazu das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen, in dem Fall der SWR, eine Sendung „Allergie durch Jodzusätze“ über die Jodproblematik in Deutschland bringt und dabei aussagt, dass „Menschen mit einer jodinduzierten Jodallergie leben – vergleichbar Menschen mit einer Nußallergie – in in ständiger Lebensgefahr, wenn sie dem Allergen Jod, das bei ihnen zu einem tödlichen anaphylaktischen
Schock führen kann, nicht ausweichen können.“ ist das schlicht zum Haare raufen.

Professor Gärtner stellt klar, dass es eine Allergie auf das Element Jod nicht gibt:

„Eine Allergie auf ein Salz, bzw. Ion ist pathphysiologisch nicht möglich, hierfür bedarf es größerer Moleküle, also jodhaltige Verbindungen. Kaliumjodid, oder Kaliumjodat wie es im Jodsalz vorkommt, reagiert nicht mit Eiweiß, Fett oder sonstigen Substanzen, wird auch innerhalb von wenigen Minuten in die Schilddrüse aufgenommen bzw über die Niere ausgeschieden. Jodsalz macht somit keine Allergene und auch keine Allergie. Ursache der Annahme ist die mögliche lokale allergische Reaktion nach Verwendung von Lugol ́scher Lösung auf offene Wunden, Jod+ bindet an Proteine und Fett. Oder die Reaktion auf Jodhaltiges Kontrastmittel.“

Auch in der Politik ist ein Jodkritiker zu finden, der offensichtlich keine Ahnung hat und doch hier und da Gehör findet. Frank Rösner von der FDP in Garmisch-Partenkirchen sieht in Jod in Lebensmitteln gar „einen Verstoß gegen das Grundgesetzt“. Schließlich wäre „Jod ist aber ein medikamentös wirkender Stoff.“ Naja, in dem Punkt hat er Recht. Denn die Menschen, die ausreichend mit Jod versorgt sind, erleiden nachgewiesener Maßen weniger Schilddrüsenprobleme, Brustkrebs oder ähnliches. Nur meint er dies nicht so.

Der Beitrag von Professor Gärtner war ein Augenöffner, zeigt er doch, wieviel Aufklärungsarbeit zum Thema Jod noch geleistet werden muss.

Die Diagnostik des Jodmangels – Neue Möglichkeiten

Der Vortrag von Dr. med. Firoz Sojitrawalla, dem Nuklearmediziner, der den Jodsättigungstest in Deutschland mitentwickelt hat, ist vor allem für die anwesenden Therapeuten von Interesse gewesen. Zeigt er doch die Unterschiede in den Testmethoden auf, die aktuell verfügbar sind, um einen Jodmangel nachzuweisen.

Jod – Mehr als nur die Schilddrüse

Dr Adriana Radler-Pohl – Jod, mehr als nur Schilddrüse

Die Biologin und Heilpraktikerin Dr. rer. nat. Adriana Radler-Pohl gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema Jod und die Folgen eines Mangels. Sie zeigt die Funktionsweise von Jod in der Schilddrüse, aber auch in weiteren Geweben auf. Neben seiner Beteiligung an den Schilddrüsenhormonen wirkt Jod unter anderem als starkes Antioxidanz, sorgt im Hirn (mit) für die Schutzschicht der Nerven, entfaltet in Magensaft anti-mikrobielle Wirkung und induziert bei Mamma-Tumoren für einen vorzeitigen Zelltod der entarteten Zellen. Und dies nur ganz wenige Beispiele. Dr. Adriana Radler-Pohl hat ihren Vortrag auf dem Blog mybodyscience.de zusammengefasst.

Angesichts dieser Vorteile ist es in ihren Augen (und wohl auch der Anwesenden) umso verwunderlicher, dass es nur so wenige Personen gibt, die sich dem Thema Jodmangel widmen, wenn sein Mangel und die teilweise extremen Folgen schon so lange bekannt sind.

Bedeutung des molekularen Jods in der Prävention und Therapie bösartiger Erkrankungen

Dr. med. Elio Torremante, Jod-Forscher und Gynäkologe, zeigt in seinem Vortrag noch einmal eindringlich die Bedeutung von Jod auf. Er nimmt es so ernst, dass Frauen, die mit Kinderwunsch in seine Praxis kommen, sofort neben den bekannteren Supplementen Folsäure und Omega 3-Öl auch Jod verschreibt. Denn wie das Beispiel des Kretinismus auf traurige Weise verdeutlicht, haben alle drei Vitalstoffen einen elementaren Einfluss auf die Entwicklung des Nervensystems. Nicht minder wichtig ist die Wirkung von Jod auf bestimmte Krebsarten, die Torremante anhand von Studienergebnissen darstellt.

Meeresalgen, Brustkrebs und Mastopathie – wissenschaftliche Daten und klinische Ergebnisse

Nach dem Mittagessen nimmt Dr. med Bettina Hees, Ernährungsmedizinerin und Algologin, die Kongressteilnehmer mit auf eine Reise durch die Meere der Welt. Genauer gesagt, zeigt sie die Nährstoffvielfalt von Algen auf. Das Meeresgemüse wartet je nach Sorte mit einem stark unterschiedlichen Jodgehalt auf. Und das Jod hat vor allem im Gehirn noch eine wichtige Funktion, die bislang noch nicht aufgezeigt wurde: Es schützt die empfindlichen ungesättigten Fettsäuren vor der Oxiadation. Algen daneben noch weitere tolle Wirkstoffe wie Astaxanthin und Fucoxanthin mit und können sogar Schwermetalle binden und ausleiten. Damit sie diese Funktion in bestmöglicher Weise ausführen können, ist es wichtig, dass sie in unbelasteten Gewässern geerntet werden.

Dr. Bettina Hees – Meeresalgen, Brustkrebs und Mastopathie

Sehr interessant sind ihre Ausführungen über die Kombu-Alge, die Japaner fast täglich verzehren. Denn diese Algenart verfügt über den höchsten Jodgehalt überhaupt – ein Grund, weswegen sie in Deutschland nur als Badezusatz aber nicht als Nahrungsmittel verkauft werden darf. Kurios, wenn man gleichzeitig hört, dass diese Alge in Japan wohl einer der Hauptgründe für die extrem niedrige Brustkrebsrate ist. Und dass dies weniger gewissen Genen geschuldet ist zeigt sich an Studien, die beweisen, dass Japanerinnen, die z. B. in die USA ausgewandert sind und dortige Ernährungsgewohnheiten annehmen, also wesentlich weniger Algen essen, eine ebenso hohes Brustkrebsrisiko haben wie alle anderen Frauen.

Jod, Umwelt und Evolution

Auch auf dem Jod-Kongress durfte er nicht fehlen. Prof. Dr. med. Jörg Spitz, einer der wohl bekanntesten deutschen Ernährungs- und Präventionsmediziner. Er bezeichnet sich selbst als hochinfektiösen Gesundheitserreger, möchte er doch möglichst viele Menschen anstecken, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. In seinem Vortrag „Jod, Umwelt und Evolution“ zeigt Prof. Dr. Jörg Spitz auf, dass Jod genau wie Vitamin D in der Evolution des Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben – und bis heute inne haben. Mit seinem typischen Humor hält er die Zuschauer bei der Stange und erklärt ihnen, dass jedes Leben eine gesunde Umwelt, das passende Biotop, zum gedeihen braucht.

Für die Entwicklung des Menschen ist die Mutter das erste und beste Biotop, denn das Kind bekommt im Uterus die richtige Ernährung und sichere Umwelt. Der Film, der Vormittags zum Thema Kropf und Kretinimsum gezeigt wurde, macht deutlich, was schief gehen kann, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Biotop gestört wird. Spitz zeigt auf, wie Epigenetik, also die Schnittstelle zwischen Gene und Umwelt wirkt und wie diese heute, trotz einiger nicht mehr optimaler Begebenheiten beeinflusst werden kann. Es sind diverse Parallelen zwischen der Beachtung von Vitamin D und Jod erkennbar. Wie Kyra Kauffmann eingangs sagte, es wäre schön, wenn Jod in den nächsten Jahren denselben Stellenwert erreichen würde. Und die Kongressteilnehmer können mit dazu beitragen.

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Jod und seine Aufgaben im Gehirn

Es ist aktuell eines ihrer Lieblingsthemen: Das Gehirn. Ich spreche von Ulrike Gonder. Zuletzt habe ich die Ernährungswissenschaftlerin auf dem 2. LCHF Kongress im Februar in Düsseldorf gehört. Sie startet mit einem Zitat der WHO:

Iodine deficiency is the world’s greatest single cause of preventable brain damage.
Jodmangel ist der weltweit größte, singuläre Grund für vermeidbare Gehirnschäden.

Ein Spurenelement. Kann Gehirnschäden vermeiden, wenn es in ausreichender Menge verzehrt wird. und wir reden nicht Kilogramm, Gramm oder gar Milligramm. Es reichen Spuren, also Mikrogramm, um dies zu vermeiden!

Ulrike Gonder hat Studien mitgebracht, die festgestellt haben, dass trotz ausreichender Jodzufuhr in der Kindheit, selbst ein leichtes Joddefizit während der Schwangerschaft die schulischen Fertigkeiten der Kinder dauerhaft beeinflusst. Auch Stoffe wie beispielsweise Fluor, die uns als vermeintlich gesund verkauft werden und z. B. gerne dem Jodsalz zugesetzt werden, behindern die Jodaufnahme im Körper bzw. speziell in der Schilddrüse. Sie zeigt, dass nicht nur eine kohlenhydratarme (idealerweise ketogene) Ernährung das Gehirn schützt, sondern diese auch möglichst Jod- & Omega 3-reich sein sollte. Daher lieber den ganzen Fisch als einzelne Supplemente essen, wenn möglich. Bei entsprechenden Mängeln macht jedoch eine gezielte Zufuhr Sinn, bis diese ausgeglichen sind.

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Welche Faktoren regulieren den Natrium-Jodid-Symporter?

Dr. Jens Pohl, Natrium-Jodid-Symporter

Dr. Jens Pohl, der wie seine Frau Adriana Biologie und Heilpraktiker ist, taucht zum Abschluss des Kongresses noch einmal in die Tiefen der Biochemie ein. Er zeigt die Funktionsweise der Natrium-Jodid-Symporter auf, die im Körper für die Anreicherung von Jod zuständig sind. Ich verzichte an dieser Stelle auf eine Wiedergabe, da ich mir zwar der Wichtigkeit dieses Transportsystems bewusst bin, ich dieses aber glaube ich immer noch nicht zu 100% verstanden habe ;-) Aber das ist gar nicht weiter schlimm, denn Dr Jens Pohl hat seinen Vortrag auch online auf mybodyscience.de veröffentlicht.

Fazit

Die Experten waren sich in vielen Punkten nicht einig, bis auf einen: Es braucht noch mehr Forschung und Praxisfälle, um einheitlichere Therapieempfehlungen aussprechen zu können. Aber das Thema ist wichtig genug, dass sich noch mehr Menschen damit auseinandersetzen sollten. Was mich etwas traurig gemacht hat, ist die Tatsache, dass viele der anwesenden Kassenärzte durch fehlende oder veraltete Leitlinien verunsichert sind. Sie würden gerne zu einer besseren Jodversorgung beitragen, wissen aber nicht wie, ohne sich rechtlich angreifbar zu machen. Hier war dieser erste Jod-Kongress denke ich eine wichtige Anlaufstelle für aktuelle Informationen und Diskussionen. Und was mich besonders freut: Kyra Kauffmann und TISSO haben angekündigt, dass angesichts des regen Interesses nächstes Jahr wieder ein Kongress stattfinden wird!

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Über den Autor

Miriam

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Ich heiße Miriam Hoffbauer, bin Jahrgang ’78 und ernähre mich seit Dezember 2014 kohlenhydratarm. Auf ketoVida teile ich meine Erfahrungen mit der ketogenen Ernährung und wie diese auch dir auf dem Weg zu einem gesunden und schlanken Leben helfen kann.

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